Diskussion um Pflegeheimstandort

Artikel in der Heilbronner Stimme am 24. Juli 2015 von Sabine Friedrich

Einwohner lehnen Standort ab: Abseits und zu steil

TALHEIM: Harsche Kritik an Prozedere und Haltung von Verwaltung und Gemeinderat zum Pflegeheim

Er scheint eine einsame Entscheidung getroffen zu haben, der Talheimer Gemeinderat. Denn der Standort für das geplante Senioren- und Pflegeheim im Gewann Tannenäcker auf der grünen Wiese treibt die Einwohner um. Wie sehr, zeigt auch die Aktion der Heilbronner Stimme. Beim Kontakt zur Redaktion gab es einen mehrseitigen  Brief, einige E-Mails und zahlreiche Anrufe. Das Echo ist einhellig: nur Ablehnung gegenüber dem Areal.  Und es hagelt harsche Kritik am Vorgehen der Gemeinde.

„Es ist ganz wichtig, dass die Leute am Dorfleben teilnehmen“, sagt nicht nur Hanni Schoch. Hiltraud Batke erinnert an die Aussage des früheren Bremer Bürgermeisters Henning Scherf bei seinem Vortrag in Talheim: Alte Menschen sollen im Dorf integriert sein. „Das ist ein bewusster Ausschluss vom öffentlichen Leben“, kritisiert Jürgen Fischbach. Ein Anwohner der Hundsbergstraße hält es für „skandalös, wenn Pflegebedürftige auf dem Berg untergebracht werden“.

Dass die Bewohner größtenteils ohnehin nicht mehr mobil seien – was im Gemeinderat immer wieder angeführt wird – lassen die Anrufer nicht gelten: mit dem Hinweis auf betreute Seniorenwohnungen, die es ja auch geben soll. Die Menschen würden in ihrer Flexibilität, selbstständig zum Bäcker, Arzt oder ins Cafe zu gehen, völlig eingeschränkt, merkt eine Frau an.

„In meiner Gymnastikgruppe sind auch viele der Meinung, dass es Quatsch ist, das Altenheim auf dem Buckel zu bauen“, erzählt die 80-jährige Batke. Eine andere Talheimerin erklärt, sie sei noch niemandem begegnet, der die getroffene Wahl begrüßt hätte. Nur ein, zwei hätten gesagt, es sei ihnen egal.

Rollator: Zu bergig, zu steil, lauten die Argumente, die die Gegner anführen.  „Mit dem Rollator kann man da nicht gehen“, meint eine Frau aus dem Baugebiet „Mühläcker“. „Es gibt keine Spazierwege drum herum ohne Steigungen“, macht Jürgen Fischbach deutlich. Dass der Bürgerbus als Transportmittel dienen könnte, lässt eine ehrenamtlich Engagierte nicht gelten. „Haben Sie schon mal versucht, mit einem Rollator in einen Bus zu kommen?“ Auch ökologische Gesichtspunkte, die gegen den Standort sprächen, tragen Einwohner vor: Noch in der Zeit von Bürgermeister Hansjörg Apprich habe die Gemeinde darauf geachtet, den Grüngürtel freizuhalten. „Damit das Bild auf Schloss und Weinberge erhalten bleibt“, sagt Gisela Bindereif. „Das macht doch den Charakter unseres Dorfes aus.“

Wenn man jetzt eine Ausnahme mache, dann sei das nicht die letzte, befürchtet eine Anwohnerin der Weinbergstraße. „Das sind ja alles Filetstücke. „Die Frischluftschneise hält auch Hans-Werner Reimold für unverzichtbar. Dass sich im Ortskern keine Alternative aufgetan habe, das wollen viele derjenigen, die sich bei der der Stimme gemeldet haben, nicht glauben. Gemeinderat und Verwaltung hätten es sich bequem gemacht, weil die Gemeinde schon Grundstücke am ausgewählten Standort habe.

„Ein bisschen mehr Bemühungen wären angebracht“. heißt es in einer der E-Mails. „Fragen würde doch wirklich nichts kosten“, kann Reimold nicht verstehen, warum der von einem Bürger jüngst genannte Standort Bach-/Mühlstraße nicht überprüft werde. Dass dort Gelände frei würde, kursiere schon. „Da hätte man längst Erkundigungen einziehen können.“

Sehr erzürnt reagieren Talheimer, was das Prozedere und das Verhalten von Gemeinderat und Verwaltung angeht. „Das ist ein Schlag ins Gesicht von mitdenkenden engagierten Bürgern“, empfindet die ehrenamtlich Engagierte Aussagen in der jüngsten Gemeinderatssitzung. Nur weil man Angst habe, sich „lächerlich“ zu machen, könne man doch nicht am Beschluss festhalten.

Diese Argumente seien dünn und oberflächlich“, lautet die Wertung von Reimold.  „Das ist eine Missachtung der mündigen Bürger“, beklagt Fischbach, dass die Einwohner im Vorfeld der Standortwahl nicht informiert wurden. „Mehr als enttäuschend ist die mangelnde Bürgerbeteiligung an diesem für Talheim wichtigen Projekt“, heißt es in einer E-Mail. Als „unprofessionell und bürgerunfreundlich“ bezeichnet der Verfasser eines Briefs die Verwaltung. „Frei nach Gutsherrenart, egal was es auf Dauer kostet“, werde entschieden.

„Man hat das Gefühl, dass es zwischenzeitlich nicht mehr nur um die Sache, sondern auch um Eitelkeiten einiger Personen in Verwaltung und Gemeinderat geht.“ Dass die Bürger im September bei Workshops zu Erschließung, Pflegekonzept oder Gebäudeform gehört werden sollen, besänftigt die Verärgerten nicht.

„Da steht doch das Ergebnis schon vorher fest“, hält die ehrenamtlich Tätige mit ihrer Meinung über den Moderator – denselben bei der Diskussionsrunde der Sondersitzung – nicht hinterm Berg. „Das ist bewusste Irreführung der Bürger.“

Diskussion um Pflegeheimstandort

4 Kommentare zu “Diskussion um Pflegeheimstandort

  • 15. September 2015 um 16:21
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    Kürzlich hatte ich einen Fernsehbeitrag eines regionalen TV Senders über die Gemeinde Untergruppenbach gesehen, wo der Bürgermeister eine Aktion gestartet hatte, um zu Veranschaulichen wie man mit dem Rollstuhl und Rollator in der Gemeinde sich fortbewegen kann und wo die Behinderungen sind.
    Dazu mussten alle Entscheidungsträger der Gemeinde inklusive der Bürgermeister selbst in den Rollstuhl sitzen oder schieben und mit dem Rollator sich durch den Ort bewegen. So konnte man sehr schnell feststellen wie behinderten freundlich der Ort ist und wo die Hemmnisse sind
    Vielleicht sollte man dies in Talheim nachahmen, dann käme man sehr schnell zu dem Ergebnis, dass dieser Platz für ein Altenheim völlig ungeeignet ist.

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  • 25. Juli 2015 um 15:35
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    Ist es denn überhaupt möglich, das Rad der Entscheidungen noch zurück zu drehen? Zugunsten der ernsthaften Prüfung von Alternativen, ortskernnah und mit bewohnerorientierter Konzeption? Und selbst wenn diese Lösung dann, aufgrund der örtlichen Gegebenheiten, „kleiner“ ausfallen würde … was spricht gegen „klein aber fein“? Vor familiärem Hintergrund erlebten wir in diesem Jahr die heilvolle Wirkung einer Einrichtung, die die Bedürfnisse ihrer Bewohner, deren Selbstbestimmtheit und die achtsame Berücksichtigung ihrer Gewohnheiten in den Vordergrund stellt, anhand des Weinsberger Hospitzes. Ein umgebautes Doppelhaus mit Garten ermöglicht Bewohnern und Angehörigen selbstverständliches Mitbestimmen und Mitwirken am Alltagsgeschehen, erlaubt in der direkten Nähe zum Ortszentrum und einer Eisdiele das Füllen des Erlebens mit Leben und öffnet Küchen, Wohnzimmer und Garten zur Nutzung für alle. Hier findet „Leben bis zum Abschied nehmen“ statt und dieser aufgeschlossene Geist versöhnt um so viel mehr mit den Prozessen des Alters und der Erkrankung, als das die vorangegangenen Besuche in großen Häusern (Krankenhäusern) je vermochten. Und auch hier gelingt Intensivpflege!
    Meine Frage ist: Braucht Talheim tatsächlich die „große Lösung“? Fände diese überhaupt „Auslastung“? Wem nützt eine Pflegefabrik auf dem Berg? Schenkt man dem Artikel in der HST Glauben, dann ganz sicher nicht den künftigen Bewohnern. Wer also profitiert davon? Die Gemeinde? Die Betreiber? Gerade Henning Scherf hat in seinem Vortrag mittels seiner Erfahrung und Haltung dazu eindeutig Richtung gewiesen, … warum also nicht in dieser Richtung weiterdenken und neue Schritte wagen?

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