Tempo 30 – Eine Kopfsache

Nachdem die Heilbronner Stimme darüber berichtet hat, dass auch in Talheim auf den Kreisstraßen demnächst Tempo 30 gilt, gab es den einen oder anderen Kommentar in den sozialen Netzwerken. Da war dann von Frechheit die Rede oder Fahr ich halt im 1. Gang Vollgas. Offensichtlich war den Schreibern des Kommentars entgangen, dass sich Gemeindeverwaltung und die Mehrheit des Gemeinderats seit Jahren dafür einsetzen, dass auf den Kreisstraßen im Ort Tempo 30 eingeführt wird. Das Landratsamt Heilbronn war aber anderer Meinung und deshalb hat es länger gedauert. Der Grund für Tempo 30 ist der Lärmschutz. Auch dem physikalisch nicht so sattelfesten Verkehrsteilnehmer leuchtet unmittelbar ein, dass eine enge Bebauung dazu führt, dass sich der Schall nicht gut ausbreitet, sich also gewissermaßen staut. Lärm, egal aus welcher Quelle, ist aber weder der Gesundheit noch dem allgemeinen Wohlbefinden zuträglich. Dazu zählt natürlich nicht der einmalig im 1. Gang Vollgasfahrer. Der stört nur einmal, deshalb kann er ruhig im 1. Gang Vollgas fahren. Außer seinem Fahrzeug schädigt er da niemanden. Es geht um den permanenten Lärmpegel und der macht nachweislich krank. Man kann beruhigt davon ausgehen, dass unser 1. Gang Vollgasfahrer dies nicht den ganzen Tag tun wird, das wird selbst ihm irgendwann langweilig.

Wie man dem Artikel der HSt entnehmen kann, beträgt die längste Stecke durch den Ort 750 m, auf der die Geschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h reduziert wird. Nach Adam Riese sind dies 40% langsamer!  40 PROZENT! Aber wie viel Zeit verliert man jetzt tatsächlich? Also rein theoretisch. Wie nämlich auch in den entsprechenden Kommentaren festgestellt wurde, kann man gar nicht 50 km/h durchgängig fahren.Wir nehmen aber mal an, man kann konstant 50 km/h auf einer Stecke von 750 m fahren. Wie lange benötige man dann dafür? Da 1 km genau 1.000 m und 1 h genau 60 min entspricht, fahre ich 50.000 m/60 min und damit in einer Minute 833,33 m. Also in knapp einer Minute habe ich die 750 m mit 50 km/h hinter mich gebracht (exakt sind es 54 Sekunden). Die gleiche Rechnung mit 30 km/h ergibt dann 30.000 m/60 min, also 500 m in einer Minute oder 1 min 30 s für unsere 750 m. Man verliert also unter der Annahme, dass man konstant 50 km/h bzw. 30 km/h auf diesen 750 m fahren kann, genau 36 Sekunden. Da man die Strecke nicht konstant mit 50 km/h pro Stunde befahren kann, reden wir über vielleicht maximal 30 s, die man verliert. 30 SEKUNDEN: Ein Wahnsinn. Eine Frechheit ohne gleichen. Ein Irrsinn. Ich fahr ab jetzt im ersten Gang durch den Ort. Wie konnte man so etwas nur beschließen. Diese ganze Aufregung wegen 30 Sekunden?

Die 30 Sekunden können nicht der Grund für die Aufregung sein. Selbst wenn man die Stecke zweimal pro Tag fährt, reden wir über 1 Minute. Ich glaube, dass auch eine Minuten nicht für Aufregung sorgt. Eine Minute versemmeln viele von uns, auch ich, mehrfach pro Tag, ohne uns aufzuregen. Bei einem kleinen Gespräch mit dem netten Kollegen / der netten Kollegin in der Kaffeeküche würden uns auch fünf Minuten nicht stören, die wir dort verbringen. Warum stören sich manche dann an den 30 Sekunden?

Es liegt vermutlich daran, dass es an der Einsicht fehlt. Ich möchte auch gar nicht mit Dezibel argumentieren und auch nicht auf gängiges Recht hinsichtlich der Verpflichtung der Verantwortlichen zum Lärmschutz verweisen. Die Sache geht nämlich noch viel weiter. Die meisten von uns möchten nicht in einem Donut – Ort wohnen. Damit werden Orte bezeichnet, die von tollen Neubaugebieten umgeben sind, denen aber die Ortsmitte verloren gegangen ist. Wie kann dies verhindert werden? Wie erreicht man, dass die Ortsmitte nicht stirbt? Sicherlich nicht damit, dass man den Verkehr möglichst schnell durch den Ort leitet. Möchten Sie eine Tasse Kaffee trinken, wenn wenige Meter weiter der Verkehr an Ihnen vorbei rauscht? Eher nicht. Ist Außengastronomie ein belebendes Element für eine Ortsmitte? Eher ja. Sind Discounter mit ihren Standardgebäuden in Ortsrandlage ein belebendes Element für eine Ortstmitte? Eher nicht. Sind Einzelhandelsgeschäfte, die zu Fuß erreichbar sind, eine belebendes Element? Eher ja. Wo gehen Sie lieber zu Fuß? An einer Straße, an der der Verkehr an Ihnen vorbei rauscht oder an einer Straße, an denen der Verkehr beruhigt ist? Was ist mit unseren jüngsten Verkehrsteilnehmern, unseren Kinder? Wo sind sie sicherer? Bei Tempo 50 oder bei Tempo 30?

Es gibt also neben dem Lärmschutz noch viele andere Gründe, die für eine Reduktion der Geschwindigkeit im Ort sprechen. Es ist auch nicht mehr zeitgemäß, jede innerörtliche Entwicklung an der Optimierung des Individualverkehrs auszurichten. Ziel einer innerörtlichen Entwicklung muss die belebte Ortsmitte sein. Und mit belebt meine ich nicht, dass dort der KFZ-Verkehr am besten mit 70 km/h an einem vorbei rauscht. Das nennt man dann Durchgangsstraße. Diese werden aber nur von denen befürwortet, die den Ort schnell durchqueren möchten. Jetzt können Sie sich fragen: In welche Richtung soll sich Talheim entwickeln? Zum Donut – Ort oder zu einer Gemeinde mit einer lebendigen Ortsmitte? Wenn Sie eine lebendige Ortsmitte favorisieren, betrachten Sie Tempo 30 einfach als ein Baustein auf diesem Weg und die Einhaltung der Geschwindigkeit als Ihren persönlichen Beitrag. Vielleicht dämpft dies ihre Aufregung etwas.

 

Tempo 30 – Eine Kopfsache

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