Vortrag von Dr. Henning Scherf

Bericht in der Heilbronner Stimme vom 13. Juni 2015 von Bianca Zäuner

Wohngemeinschaften sind nur etwas für junge Leute?

Dass dem nicht so ist, beweist Henning Scherf. Der ehemalige Bürgermeister Bremens lebt seit 28 Jahren in einer WG in der Hansestadt. Über seine Erfahrungen und unterschiedliche Lebensformen im Alter berichtete er auf Einladung der Gruppierung BürgerInteressen Talheim e. V. (BIT). Das Interesse am Thema war groß, etwa 150 Besucher kamen am Donnerstagabend in den Kulturtreff.

,,Wir waren noch keine 50″, beginnt Scherf die Entstehungsgeschichte seiner Wohngemeinschaft zu erzählen. ,,Wir taten uns mit befreundeten Paaren in derselben Lebenssituation zusammen.“ Nach vierjähriger Planung haben sich zehn Leute gefunden – seine ,,Wahlfamilie“, wie Scherf sie nennt. Drei Partien verkauften ihre Eigenheime, um gemeinsam ein großes, zentrumsnahes Haus zu erwerben. Dies wurde, dann ,,für unsere Bedürfnisse umgebaut“, schildert der 76-Jährige. 1987 zogen das Ehepaar Scherf und die anderen sechs Bewohner ein.

Herausforderung In der WG leben Paare und Singles, alle in ihren eigenen Bereichen. Ein festes Ritual ist das gemeinsame Frühstück am Sonntag. „Jede Woche ist jemand anderes der Gastgeber und bewirtet alle“, sagt Scherf und berichtet stolz, dass seine Wohngemeinschaft das einzige Haus in der Straße mit Vorgarten statt Parkplätzen sei. Oft kämen die Enkelkinder zu Besuch, „eine wunderbare Sache.“

Scherf thematisiert nicht nur die schönen Seiten des WG-Lebens. Vor ei-ner großen Herausforderung standen er und seine Mitbewohner, als eine von ihnen schwer krank wurde. ,,Sie wollte bei uns bleiben“, schildert Scherf die Situation. Also pflegten er und seine Mitbewohner sie zwei Jahre lang bis zu ihrem Tod. ,,Wir haben sie nie allein gelassen“, immer habe jemand bei ihr im Zimmer geschlafen.
Auch viele Demenzkranke, die nicht in ein Heim wollen, entschieden sich für das Leben in einer sogenannten Pflege-WG. Dort leben sie mit anderen Erkrankten zusammen. Henning Scherf lernte viele solcher Gemeinschaften kennen. ,,Es ist toll zu sehen wie sie sich gegenseitig helfen“, berichtet er.

Die meisten Senioren ,,wollen noch etwas zu tun haben und nicht nur darauf warten, dass etwa Spannendes im Fernsehen läuft.“ Man dürfe ,,die Alten nicht aus der Gesellschaft aussortieren“, sondern müsse Netzwerke schaffen, in die die Alten eingebunden sind. Außerdem sei es wichtig, die kreativen Potenziale der Menschen zu entdecken. Das gilt besonders für an Demenz Erkrankte. Scherf erzählt von bewegenden Erlebnissen: Von einer Frau, die nicht mehr ihren eigenen Namen kannte, sich aber plötzlich an den Text eines 15-strophigen Kirchenliedes erinnerte . Oder die Rollstuhlfahrerin, die drei Jahre nicht gesprochen hatte und auf einem Spielplatz, bei der Begegnung mit einem kleinen Jungen, ihre Sprache wiederfand. ,,Da kamen mir die Tränen“, gesteht der 76-Jährige. ,,Man muss den Punkt finden, an dem man sie noch erreichen kann“, ist er überzeugt.

lnteresse Nach seinem Vortrag wird Scherf mit Fragen überhäuft: Wie Regeln die Mitbewohner die finanziellen Angelegenheiten, und was pas-siert, wenn ein Mitbewohner stirbt? Die Auswahl neuer Mitbewohner interessiert eine Besucherin. ,,Wir treffen nur einstimmige Entscheidungen und beraten intensiv“, erklärt Scherf. Er halte sich bei solchen Diskussionen zurück, habe er doch einmal bei der Wahl eines Neuen ,,daneben gegriffen“.

Eine Talheimerin erkundigt sich nach seiner Meinung zu Pflegeheimen, ein solches soll ja im Ort gebaut werden. Er sei kein absoluter Gegner, beteuert Scherf. Was er allerdings ablehne, seien große und isolierte Einrichtungen. Beim Bau neuer Heime sollten die Verantwortlichen darauf achten, dass sie zentrumsnah sind, damit die Bewohner „am Leben teilnehmen können.“

Fotos: Steffen Manske

Vortrag von Dr. Henning Scherf
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Ein Kommentar zu “Vortrag von Dr. Henning Scherf

  • 13. Juni 2015 um 15:58
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    Wir möchten noch allen Besucherinnen und Besuchern für Ihr Kommen danken und uns auch auf diesem Wege ganz herzlich für die großzügigen Spenden in unserer Spendensau bedanken. Im Mitteilungsblatt der Gemeinde Talheim dürfen wir dies zu unserem bedauern nicht. Ich habe als Rückmeldung zu dieser Veranstaltung nur positives bekommen, bis auf eine Ausnahme, die ich nicht verschweigen möchte: Ein Besucher hat sich mehr Bezug zu der Situation vor Ort, also hier in Talheim, gewünscht. Leider war es nicht möglich, mit Herrn Dr. Scherf diese vorab zu besprechen, da sein Zug über eine Stunde Verspätung hatte und wir froh waren, dass die Veranstaltung trotzdem pünktlich beginnen konnte.

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